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Episode: Vergeben und Vergessen? (2) (3.05)

Erwartungen sind da, um erfüllt zu werden. Nicht immer können wir dem gerecht werden, was von uns erwartet wird, aber wir wollen doch die Anforderungen erfüllen.

„Und, wie läuft’s?“
Leni erwischte Lola in einer freien Minute am PC. Dort sah sie sich nicht etwa medizinische Fakten an oder Krankheitsbilder, sondern ihr Profil auf einer Datingseite. Nicht, dass Leni Lola jemals verpetzt hätte. Man hatte nun mal so seine Probleme – und die konnte man auch als Ärztin nicht einfach ausschalten.
Lola fühlte sich ungeliebt. Das war kein Geheimnis. Was aber ein Geheimnis war – dass sie geliebt wurde. Noch immer. Von Pete. Und Leni plagte dieses Wissen schon seit mehreren Tagen.
„Miserabel. Warum gibt es im Internet nur gestörte?“
„Unfassbar, dass du das jetzt gerade wirklich fragst.“, Leni kicherte. Dabei merkte sie, wie nervös sie klang. Wie schlecht es doch immer lief, wenn man seine innersten Gedanken auf jeden Fall verstecken wollte und es einfach nicht schaffte.
„Und, was gibt’s bei dir?“, erschöpft klickte Lola die Webseite weg und drehte sich zu ihrer Freundin um. Die biss sich auf der Oberlippe herum: „Och, ganz gut.“
Lola hob eine Augenbraue: „Leni, Freundschaft, das ist so etwas wie Liebe mit Verstand. Ich, als deine älteste Freundin, weiß, dass etwas nicht stimmt. Was ist los? Probleme mit Brian? Ich dachte, er hat sich ausgesponnen und ist wieder einigermaßen gut drauf?“
„Oh, es ist nicht Brian. Es ist … Wenn Freundschaft sowas wie Liebe mit Verstand ist, dann muss ich es dir sagen. Aber bitte, flipp nicht aus, weil ich es dir nicht schon früher gesagt habe, ich wusste echt nicht, ob du es wissen sollst oder nicht.“, erklärte Leni.
„Ich bin deine älteste Freundin, warum sollte ich das tun?“
„Okay. Pete hat mir gesagt, dass er dich immer noch liebt.“, verriet Leni das Geheimnis, das Pete ihr im betrunkenen Zustand anvertraut hatte.
„Was?“, fuhr Lola auf. Sie war nicht sauer, weil Leni ihr es verschwiegen hatte. Aber sie war sich nicht sicher, was diese Information in ihr auslöste. Trauer, Hass, Wut … Hoffnung?
„Und ehrlich gesagt ist das doch super. Was steht euch denn auch im Weg, um wieder zusammenzukommen?“
„Hmm, ich weiß nicht, dass er kokst vielleicht?“
„Also glaubst du Susan Ashbury?“, fragte Leni.
„Aber natürlich tue ich das, das erklärt sein ganzes merkwürdiges Verhalten während unserer Beziehung! Es macht mich sogar noch wütender auf ihn. Und noch trauriger wegen ihm.“, Lola seufzte, „Versteh doch, jetzt kann ich noch weniger mit ihm zusammen sein, weil er mich auch noch angelogen hat. Er bricht mir das Herz und das, obwohl wir nicht mehr zusammen sind.“
„Wenn er das tut, bedeutet es doch, dass ihr euch noch liebt.“, warf Leni ein.
„Ja, aber das reicht nicht.“, Lola schüttelte den Kopf und rief als Zeichen ihres Entschlusses die Datingseite wieder auf. Allerdings leuchtete ihr Briefkasten im Profil nicht auf. Und selbst wenn – es hätte ihr ja doch kein männlicher Bewerber getaugt.
„Lola, was anderes – warum betonst du ständig das mit ‚ältester Freundin‘?“, wollte Leni wissen. Lola zuckte mit den Schultern und ließ den Bürostuhl, auf dem sie saß, hin- und her rotieren: „Na ja, weil ich das ja bin, wo du ja nicht mehr mit Amy befreundet bist. Auch, wenn ich nicht weiß, warum du dich nicht mit ihr versöhnst, wenn du mir das schon mit Pete nahe legst …“
„Ich muss los.“, meinte Leni eilig.
„Jetzt warte doch, nur, weil ich jetzt mit Amy angefangen habe!“
Im Weggehen rief Leni noch abblockend: „Ganz genau!“

Leni war es egal, ob es kindisch war, zu schmollen. Sie hatte einen Doktortitel, der alleine verlieh ihr schon den Status zur Erwachsenen. Warum war es also notwendig mit Amy Frieden zu schließen? Wenn überhaupt, musste Amy den ersten Schritt machen.
Während Leni das dachte, schlug sie mit ihrem Bleistift hart gegen den Tresen und nervte damit schon alle Ärzte, Pfleger und Patienten in ihrer näheren Umgebung. Aber das war ihr egal. Schuld war eigentlich Lola, dass sie überhaupt darüber nachdachte, Amy anzurufen. Als ob Amy sich geändert hätte! So rasend schnell ging das bei der nun auch wieder nicht. Sicher, sie war vom Loser zum Erfolgsträger im Job geworden, hatte ihren Loserfreund für einen Sympathieträger abgeschossen und war auch sonst redegewandter wie nie zuvor geworden. Aber gleichzeitig hatte sie eben auch ihre Menschlichkeit verloren. Da hatte Amy sich nun mal zum schlechteren geändert. Und Leni trug ihr das nach.
Warum konnte Lola nicht verstehen, dass es zu viele Krisenherde in der Vergangenheit gegeben hatte? Dass das nichts mit Überwindung zu tun hatte – sondern mit Vergebung? Leni sah sich prüfend um.
Wo steckte Lola jetzt überhaupt?

„Es kann doch jetzt nicht ernsthaft sein, dass der Fahrstuhl stecken bleibt! Ich meine, hier könnte jetzt auch ein Notfall drin sein! Jemand, der gleich verblutet! Das ist doch scheiße!“
„Lola, bist du so wütend, weil du mit mir im Fahrstuhl stecken geblieben bist?“, fragte Pete ganz ruhig. Er hatte zuvor im sachlichen Ton den Notfallknopf bestätigt und Hilfe angefordert – die wurde ihnen auch so schnell wie möglich zugesichert. Bis dahin hatte er offensichtlich weniger Platzangst als Lola.
„Die ganze Welt dreht sich nicht um dich. Verstehst du? Absolut nicht. Kein Grund, gleich Drogen zu nehmen.“, keifte Lola, während sie von einer Wand zur nächsten lief. Das war jetzt also Gottes Bestrafung, dass sie Leni den Amy-Floh ins Ohr gesetzt hatte. Sie hätte es besser wissen müssen! Man musste eben für alles Buse tun …
„Susan hat es dir also erzählt?“, Pete knirschte mit den Zähnen.
„Allerdings.“, Lola blieb gegenüber von ihm stehen und verschränkte die Arme vor der Brust, „Ich dachte, wir wären ein großartiges Paar. Eins mit Hund. Und Wohnung. Du hast meine Familie kennengelernt. Und du hast mich trotzdem die ganze Zeit belogen.“
Sie zitterte vor Wut – jetzt nicht mehr wegen des Fahrstuhls: „Weißt du, dass ich dich diese ganze Zeit über geliebt habe? Sogar jetzt, wo ich weiß, dass du mich belogen hast! Dass du kokst und … und …“
„Was, und? Ich kam mit dem Druck nicht mehr klar. Aber das ist vorbei. Ich schwöre es. Lola …“, Pete seufzte schwer, „Weißt du, wie hart es war, der Loser zu sein? ‚Kansas‘? Wie du und Leni dieses Krankenhaus regiert habt, weil ihr einfach mal weiter ward als alle anderen? Und ich war am anderen Ende der Nahrungskette? Und dann gehst du tatsächlich mit mir aus … und es war die Erfüllung meiner Träume … und dann hast du mir immer vor dem Kopf gestoßen. Ja, es lag an den Drogen, dass ich damals nicht mit dir schlafen konnte. Und ja, ich habe es dir verheimlicht, weil es mir peinlich war, Koks zu benötigen, um die Arbeit hier durchzustehen. Aber jetzt bin ich erwachsen geworden. Ich habe aufgehört mit dem Zeug. Und ich bin frei! Für dich.“
Er sah sie mit treuen Augen an: „Du musst mir nur verzeihen.“
„Ich weiß nicht, ob ich dir noch vertrauen kann.“, sagte Lola kalt.
„Aber du weißt ganz genau, dass du mich noch liebst. Und wie viel Zeit soll noch vergehen? Wie viele Beziehungen zwischen uns liegen? Du kannst nicht ohne mich leben und ich nicht ohne dich.“, meinte Pete.
„Du bist ganz schön eingebildet.“, fauchte Lola, nicht aber, ohne einen Gang runterzuschalten.
„Und du bist wunderschön.“, hauchte Pete. Dann machte er einen Schritt vor und küsste Lola.
Und all ihre Barrieren schmolzen dahin. Sie verzieh ihm. Sie hätte ihm alles verziehen. In diesem Moment war sie sogar recht froh, in einem steckengebliebenen Aufzug mit Pete alleine zu sein …

Wir wollen damit unsere Eltern stolz machen. Unsere Lehrer. Unsere Freunde. Unsere Partner. Erwartungen kommen von allen Seiten. Sie können klein sein, aber auch groß. Unbezwingbar. Und wenn wir es dann nicht schaffen, enttäuschen wir all diese Menschen.

„Weißt du, ich finde es gut, dass Ben und Jan über Kinder nachdenken. Aber ich bin da eher skeptisch, wenn deren Wohnung so bleibt, wie sie ist.“, verkündete Leni beim Abendessen. Sie hatte gerade eine lange Schicht hinter sich – inklusive Grübeleien über Amy und Lola – und war froh, zu Hause zu sein. Was gab es besser, als bequeme Pink-University-Shorts und ein selbstgemachtes Risotto ihres Göttergattens?
Dieser sah von seinem Teller auf: „Wie meinst du das?“
„Na ja, Bens Idee von Dekoration hat viel mit herumrollenden Weinflaschen zu tun. Klar, er ist in Frankreich aufgewachsen, aber es gibt auch sowas wie Vasen. Und sein Bad ist auch nicht gerade kindersicher. Alleine der Jacuzzi…“, Leni zuckte mit den Schultern, „Er hat sich hoffentlich gut überlegt, was er da aufgibt.“
„Ein Kind ist aber auch wichtiger als ein Jacuzzi.“, Brian lachte, „Ich finde es gut, dass die beiden das tun. Erwachsenwerden. Heiraten. Die Wohnung kinderfreundlicher machen. Ich meine, ich finde auch irgendwie, dass wir uns eine neue Wohnung suchen sollten.“
„Der Mann, der weint, wenn ich einen neuen Teppich anschaffen will, sagt was?“, nun war es an Leni, entsetzt vom Essen aufsehend.
„Na ja, unsere Wohnung ist auch nicht gerade kinderfreundlich.“, gab Brian zu bedenken. Er wusste, dass hier wieder der Altersunterschied griff. Und die Tatsache, dass er von einem Drogensüchtigen zu einem verantwortungsvollen Mann geworden war. Bei Leni hingegen war das Leben eine einzige Konstante. Es würde dauern, bis sich das änderte. Bis sie ihre Meinung änderte.
„Jan und Ben wollen bestimmt keinen herumkrabbelnden Säugling adoptieren, sondern irgendein süßes Mädchen aus Taiwan. Und Cory ist zu alt, um sich an meinen Kisten mit den Schminksachen wehzutun.“, gab Leni zurück. Sie dachte ja nicht im Traum daran, Manhattan zu verlassen!
„Ich sprach auch eher von eigenen Kindern.“
„Musst du Jan eigentlich alles nachmachen?“, Leni runzelte die Stirn und aß mürrisch weiter.
„Komm, du wusstest, dass ich das irgendwann sage. Ich meine, ich bin zwar schon Vater, aber wir haben kein gemeinsames Kind. Das wäre wirklich wunderschön.“, Brian aß seelenruhig weiter. Es war ein Experiment und er würde zusehen, wo es endete. Sicher, er würde sie nicht verlassen, wenn sie ihm kein Kind schenken wollte. Aber andererseits wollte er wirklich ein Kind. Und Leni war sich eigentlich immer sicher gewesen, dass sie keins wollte. Dementsprechend antwortete sie auch sofort: „Was ist mit der Arbeit?“
„Was soll schon sein? Das wuppen wir wie bisher. Und es gibt auch andere schöne Teile in New York außer Manhattan. Überleg doch mal, unser Leben könnte noch besser werden als es ohnehin schon ist!“
Brian war ganz aufgeregt. Und Leni ließ nur ihre Gabel sinken und ging. Sicher, sie wusste auch, dass sie mehr Glück vom Leben erwarten durfte als Pink-University-Shorts und Zweisamkeit mit Brian – aber sie fühlte sich noch immer nicht bereit für Kinder. Und sie wusste nicht, wann sich das ändern würde.
Konnte sich das überhaupt ändern? Von jetzt auf gleich?

Amy wusste, wie man schlechte Nachrichten überbrachte. Sie hatte ihr ganzes berufliches Leben nichts anderes gemacht, als Eltern, Freunden und Geschwistern die Nachricht zu überbringen, dass eine wichtige Person aus deren Leben zu schnell gefahren war. Oder erschossen worden war. Sie wusste, wie man Selbstmorde der Familie schonend beibrachte. Gleichzeitig hatte sie außer diesen Erfahrungen keine Berührungen mit dem Tod gemacht. Es war ihr in all den Jahren nicht real erschienen. Die Opfer waren in ihrem Kopf nichts anderes als Fälle.
Das hatte sie mit Leni gemeinsam – man durfte solche Schläge des Schicksals nicht zu ernst nehmen. Zumal es ja nicht ihr eigenes Schicksal war. Doch als sie jetzt am Grab von Richard stand, da war es ihr Schicksal.
Und es war so gut wie ihre Schuld.
Wäre er nicht wütend auf sie gewesen, wäre er nicht zu schnell gefahren. Er hatte sich und sein Motorrad in höchster Geschwindigkeit um einen Baum gewickelt. Minuten vorher hatten sie noch gestritten, weil Amy zu viel zu tun hatte. Sie hatten einander ja kaum noch gesehen.
Und nun würden sie einander nie wieder sehen.
Amy war nicht mehr fähig, zu weinen. Sie hatte den Kollegen nicht mal ausreden lassen, sie hatte sofort gewusst, was Sache war. Von da an hatte sie geheult, laut und hemmungslos. Sie hatte den Himmel angefleht, ihr Richard wiederzugeben. Dann würde sie alles anders machen. Sie würde ihre Arbeit beim CSI zurückschrauben. Amy war der Meinung gewesen, dass ihr Karrierepläne gefehlt hatten, ihr ganzes Leben lang. Doch wie sie es mit allem tat – Beziehungen, Party, Fernsehserien -, hatte sie es übertrieben. Sie hatte sich so sehr hineingesteigert, dass sie erst ihre beste Freundin vernachlässigt hatte, dann ihren Freund.
Sie bereute alles. Jedes private Gespräch, das sie in den letzten Jahren geführt hatte, denn sie war unausstehlich gewesen. Jede Unterhaltung mit ihren Eltern war ihr als Zeitverschwendung erschienen. Jedes harte Wort war ihr nicht als solches erschienen – und hatte Leni doch sehr verletzt. Und jedes Abwimmeln ihres Freundes war ihr als nicht schlimm erschienen.
Jetzt war er tot.
Was würde sie nur dafür geben, zumindest den Streit rückgängig zu machen. Ihm zu sagen, dass sie ihn liebte. Sich dafür entschuldigen, dass sie ihn als selbstverständlich gesehen hatte.
Liebe war so viel wichtiger als Arbeit. Eine funktionierende Beziehung mehr wert als blöder Tratsch.
Warum hatte Gott soweit gehen müssen, bis sie das eingesehen hatte?
Sie konnte nicht mehr weinen, zu viele Tränen hatten diesen Körper schon geschüttelt. Sie konnte nur noch zittern und beben und sich am Riemen reißen, um nicht den Sarg hinterher zu springen, der gerade ins Grab eingelassen wurde. Die Worte des Pfarrers drangen nicht an ihr Ohr. Nicht das Weinen von Richards Familie und Freunde. Sie hatte sie alle nur flüchtig kennengelernt, weil sie ihm keine Chance gegeben hatte, dass er sie ihr vorstellte. Einige Kollegen von ihrer gemeinsamen Zeit auf demselben Revier waren da, doch Amy wollte mit niemanden sprechen.
Mit niemandem außer Leni.

Und wenn wir dann vor Menschen scheitern, die uns nicht wohlgesonnen sind, können wir wiederum andere Erwartungen erfüllen, nämlich die negativen.

„Ich weiß, dass du mich hasst. Aber du darfst nicht sterben mit diesem Gefühl.“
„Amy, bist du betrunken?“, fragte Leni etwas irritiert in ihr Handy. Sie hatte mit jedem Anruf gerechnet – einen Krisenanruf von Lola wegen Pete, einen Freudenanruf von Brian wegen einer anderen Wohnung, einen Hilferuf von Ben wegen der anstehenden Hochzeit.
„Richard ist bei einem Motorradunfall gestorben. Es tut so weh.“
Aber damit hatte sie noch viel weniger gerechnet als mit einen Anruf von Amy. Leni hielt sich an der Anrichte fest, während sie verdaute, was Amy ihr gerade mitgeteilt hatte.
Und da waren sie wieder, die Tränen, an die Amy nicht mehr geglaubt hatte. Sie flossen wieder. Zahlreich. Die Asiatin brach auf der Straße zusammen. Über ihr schien die kalifornische Sonne, als wäre nichts gewesen.
„Das tut mir leid.“, Leni war tatsächlich schockiert. Und sie fühlte starkes Mitleid für Amy. Da vergaß sie gerne die letzten Jahre. Sie spürte, dass Amy zur Einsicht gekommen war – leider zu spät.
„Nein, es tut mir leid. Ich fühle mich so furchtbar schuldig. Ich habe böse Dinge gesagt, bevor er gefahren ist.“
„Ja, aber er hätte langsamer fahren müssen, Amy. Es ist nicht deine Schuld.“, beruhigte Leni Amy, wohlwissend, dass es nicht klappen würde. Tat es auch nicht: „Wie kannst du das sagen? Du hast nicht mehr mit mir gesprochen, weil ich ebenfalls schlimme Sachen gesagt habe zu dir. Ich bin ein Monster.“
„Nein, das bist du nicht. Ein Monster würde nicht weinend bei mir anrufen.“, verteidigte Leni Amy weiter. Und meinte es auch so.
„Ich habe so Angst, dass es irgendwann knallt und wir uns nicht versöhnt haben. Nimmst du meine Entschuldigung an?“, fragte Amy leise.
Leni vergab ihr: „Natürlich.“
„Was … was beschäftigt dich gerade in deinem Leben?“, fragte Amy ehrlich interessiert. Sie setzte sich auf und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Sie brauchte Ablenkung, wenn sie nicht plante, die kommende Nacht hier auf dem Friedhof zu verbringen. Sie wusste, dass sie nicht alleine sein sollte – aber das war sie. Trotz der Tatsache, dass Leni ihr verziehen hatte, würde Leni nicht in den nächsten Flieger steigen und Amy wieder aufbauen. Soweit waren sie nicht. Deswegen brauchte Amy die nächsten Minuten mit ihrer ehemals besten Freundin am Telefon. Um ihr neues Leben zu beginnen. Ohne Richard. Mit vielen neuen Vorsätzen. Und vor allem wegen Richard musste sie sie halten.
„Brian … möchte ein Kind mit mir. Und ich weiß nicht, ob ich das möchte, aber … du hast Recht. Es könnte alles mit einem Schlag vorbei sein.“
Leni setzte sich und atmete tief durch. Versuchte, ihren Körper zu begreifen. Sie hatte sich nie in der Rolle der Mutter gesehen – und ihren Körper gar nicht fähig für so etwas. Aber jetzt, wo sie bewusst atmete, und auch Amys gespannter Atmung zu hörte, wurde ihr klar, dass sie es wohl doch konnte. Etwas in sich wachsen zu lassen. Ein Baby großzuziehen, bevor es zu spät war. Die Nachricht von Richard war Beweis genug: Es konnte jederzeit vorbei sein.
„Ich glaube, dass ich auch ein Kind von ihm möchte.“, gab Leni bekannt.
Amy lächelte, auch, wenn es ihr schwer fällt: „Das sind gute Neuigkeiten.“
Leni grinste: „Die Welt braucht mehr davon.“
Und damit meinte sie auch ihre Versöhnung mit Amy.

„Glückwunsch, Bruderherz!“, Leni fing Ben nach der Trauung ab. Jan wurde von allen Seiten beglückwünscht – Steve war da und sogar Lola war mit Pete gekommen. Der Raum im Standesamt war so gefüllt wie noch nie, dass sogar der Beamte während der sonst eigentlich sehr förmlichen Zeremonie gerührt gewesen war. Die beiden Männer trugen feine Anzüge und Ben konnte sein strahlendes Lächeln gar nicht mehr ablegen.
„Dankeschön.“, Ben gab Leni einen Kuss auf die Wange und sie drückten einander.
Dann sah er sich suchend um: „Wo ist Brian?“
„Er ist draußen, einen kurzen Luftsprung machen.“, erwiderte Leni.
„Wieso das denn?“
„Ich habe ihm gerade gesagt, dass ich schwanger werden will.“
Kreischend drückte sich das Geschwisterpaar erneut. Von irgendwoher brach Jubel aus. Es dauerte einige Zeit, das Standesamt räumen zu lassen – im Glücksrausch wollte keiner gehen. Weder Leni noch Brian, noch Lola und Pete, und Jan und Ben schon gar nicht. Wenn da nicht die „Aftershowparty“ gewesen wäre!

Wichtig ist also – habe ich meine eigenen Erwartungen erfüllt? Wichtig ist also – kann ich mir im Spiegel noch in die Augen blicken? Kann ich mich ansehen, stolz und mit erhobenem Haupt?

Es war immer noch ein bisschen merkwürdig für Leni, nicht mehr in Manhattan zu leben. Aber Bushwick hatte sich als perfekter Ort für ein neues Leben erwiesen. Leni gefiel es, dass es auf der Straße unter dem Loft nicht mehr lärmte, dass sogar Bäume neben dem Gehweg gepflanzt waren. Sicher, das Apartment war nicht so durchgestylt wie das alte, viel mehr zierten Brians goldene Schallplatten nun die Backsteinwände. Aber so war es gemütlicher. Die Küche war größer und praktischer. Brian musste ja nun nicht mehr für nur sich und Leni kochen.
Nun war Kitty da.
Beziehungsweise – das war sie schon seit fünf Jahren. Cory hatte sich sofort mit dem Gedanken einer kleinen Halbschwester angefreundet und so waren sie heute im Zoo, zusammen mit Hands und Dana, die auch Taufpaten von Lenis und Brians erster Tochter gewesen waren.
Leni musste im Gedanken an die Taufe lächeln. Aus Los Angeles waren sogar ihre Eltern angereist, auch, wenn Lucy kein großer Fan der Reiseidee gewesen war. Aber sie hatte sich das Kennenlernen ihrer Enkelin nicht nehmen lassen. Auch Amy war mitgeflogen. Sie hatte es gut verkraftet, nicht die Taufpatin zu sein. Allgemein hatte die Freundschaft der beiden alles gut verkraftet. Sie hatten sich damit arrangiert, dass sich vieles geändert hatte. Dass sie nicht mehr durch dick und dünn gingen. Aber dass ein Anruf im Monat immer noch Wunder bewirken konnte.
Sie hatte Jan und Ben die Patenschaft für Kind Nummer 2 versprechen müssen. Aber die beiden waren vorläufig eh zu sehr beschäftigt mit ihrem eigenen Nachwuchs – die kleine Lucy war ein Jahr jünger als Kitty. Lucy senior hatte nichts von den Plänen ihres Sohnes gewusst – und hatte ihn nach dem Erblicken des kleinen Geschöpfs bei Kittys zweitem Weihnachtsfest tränenüberströmt in die Arme geschlossen.
Die schlanke Blondine wandte ihren Blick vom Fenster und der Vergangenheit ab und starrte wieder auf ihren PC.
Ein Ärzteratgeber also.
Ihre Mutter hatte doch tatsächlich recht gehabt. Sie wollte nicht für immer Chirurgin sein. Es hatte ihr Spaß gemacht, in der Kardiologie zu arbeiten, doch es machte ihr ebenso Spaß, zu Hause zu bleiben und auf Kitty aufzupassen. In ihrer Mutterzeit war ihr aufgefallen, wie gut es tat, keine 36-Stunden-Schichten zu schieben. Brian im Studio zu besuchen, wo er mit Jan und Steve – dem neuen, der, der gekommen war, um zu bleiben -, aufnahm. Wo er im Übrigen auch gerade war, darum war es – neben Kittys Abwesenheit - auch so friedlich ruhig in der Wohnung. Und dann war irgendwann die Idee zum Ärzteratgeber geboren worden. Zündstoff lieferte ihr ihr Mentor Professor Wieland Phillips. Und ihr Vater. Und ihre eigene verkürzte Ausbildung, die sie mit Lola absolviert hatte.
Lola war auch diejenige, die regelmäßig zusammen mit Hund Paulie vorbeischaute und ihr Nervennahrung brachte, die Leni bitter benötigte, wenn sie schrieb. Zum Buchprojekt war noch eine regelmäßige Kolumne in einem Ärztejournal gekommen.
Neben den goldenen Schallplatten hingen Fotos von Kitty, Fotos von Brian und Leni alleine und mit ihr, ein Portrait von Lenis letzter Geburtstagsparty, wo sie, Lola, Brian, Dana und Pete Partyhüte trugen. Hands hatte das Foto geschossen, deswegen war sein Daumen auch mit auf dem Bild. Das letzte Bild in der Reihe von der Feier nach der Trauung von Ben und Jan. Es war verschwommen – so wie jegliche Erinnerung an den glücklichen Tag. Leni lächelte, bevor sie wieder auf den PC starrte.
Das Buch war so gut wie fertig. Aber das Schwierigste hatte sie noch vor sich: Die Widmung.
Wie drückte man all diese Liebe aus, die man in sich hatte für seine fünfjährige Tochter und seinen Ehemann, seinen langjährigen Partner?
Leni seufzte. Wollte sie diejenige sein, die schmachtige, lange Verse schrieb? Die nur kühl ihre Dankbarkeit kundtat, weil dies ein Ärzteratgeber war?
Und schließlich tippte sie: „Für Kitty und Brian. Für immer.“
Weil es einfach so war. Auch, wenn sie dieses Apartment in Bushwick verließen. Auch, wenn sie ans Ende der Welt zogen. Die beiden würden immer in ihrem Leben sein – und alle anderen auch.
Über die Jahre hatte sie Freunde verloren, Kollegen, Bekannte. Aus den Augen. Oder richtig verloren. Aber die lebten auch nicht in ihrem Herzen weiter. Die waren nicht Teil ihrer Welt. Die Menschen auf den Fotografien, die Menschen, die das Apartment erfüllten, auch wenn sie nicht da waren, die waren es. Für immer in ihrem Herzen.


Ja. Das kann ich.

Gastdarsteller
- Lucy Liu als Amy Lu
- Sophie Marceau als Leni Willows

Musik
- Unwind Theme / Unwind
von P!nk

- If U Seek Amy
von Britney Spears
Als Lola Leni auf Amy anspricht und diese davon rauscht.

- Time After Time
von Cyndi Lauper
Als Pete und Leni sich versöhnen.

- Where’d you go
von Fort Minor
Bei Richards Beerdigung.
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